Ob eine U12-Mannschaft im Nachwuchsleistungszentrum überhaupt Sinn macht, hat der DFB bis heute nicht beantwortet. Die Frage stellte Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften, im November 2019 in Folge #036 des schluesselspieler-Podcasts – wenige Wochen, nachdem der DFB-Bundestag „Projekt Zukunft“ beschlossen hatte. Sieben Jahre später lässt sich prüfen, was aus seinen Forderungen wurde. Die Antwort: an der Wettbewerbsstruktur viel, an der eigentlichen Systemfrage weniger.
Die Diagnose von 2019
Schönweitz‘ Kernthese damals: Deutschland hat mehr Förderstrukturen als jedes andere Land, aber sie greifen nicht ineinander. „Es zerren teilweise mehrere Institutionen an einem Spieler“, sagte er im Podcast. Dazu eine konkrete Forderung zum Spielformat: Warum nicht drei mal dreißig Minuten statt zwei mal fünfunddreißig, mit der Regel, dass jeder Spieler mindestens ein Drittel spielt? Und eine Frage, die er selbst offenließ: Braucht ein NLZ überhaupt eine eigene U12, oder wären Kooperationsvereine der bessere Unterbau?
Was tatsächlich passiert ist
Ab der Saison 2024/25 hat der DFB die A- und B-Junioren-Bundesliga abgeschafft und durch die neue Nachwuchsliga für U17 und U19 ersetzt. Neuer Modus: eine regionale Vorrunde, danach eine überregionale Hauptrunde mit Liga A und Liga B. Profi- und Amateurvereine spielen von Anfang an gegeneinander, nicht mehr in getrennten Staffeln. Erklärter Zweck laut DFB: weniger Abstiegsdruck, weniger Reisekosten, mehr individuelle Entwicklung statt reiner Ergebnisorientierung. Das trifft Schönweitz‘ Kritik an den alten Wettbewerben ziemlich genau.
Parallel dazu hat der DFB Kleinspielformate – drei gegen drei bis fünf gegen fünf – von der U6 bis zur U19 verankert, mit dem Ziel, mehr Ballkontakte pro Spieler zu erzeugen. DFB-Vizepräsident und DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke nannte die Reform öffentlich unverständlich und forderte Alternativen. Der DFB hielt dagegen: einstimmig beschlossen nach mehrjähriger Pilotphase. In der Sache geht es nicht darum, ob noch Tore fallen oder Sieger feststehen – das tun sie weiterhin –, sondern darum, ob Ergebnis oder Entwicklung im Vordergrund steht. Genau diese Verschiebung hatte Schönweitz 2019 gefordert.
Auch bei der zweiten Diagnose – konkurrierende Institutionen – hat sich etwas bewegt: Seit Februar 2025 gilt eine neue Ausbildungsentschädigung für Spielerwechsel zwischen Leistungszentren bis zur U15, gestaffelt nach Altersklasse, Verweildauer und Entfernung zum neuen Verein. Das nimmt Vereinen einen Teil des Anreizes, sich gegenseitig Talente abzujagen, bevor überhaupt klar ist, wer sie besser fördern kann.
Die Wettbewerbsreform selbst hat der DFB nach eigener Aussage über mehrere Jahre in einer Pilotphase getestet, bevor sie einstimmig beschlossen wurde. Für die Frage, ob eine U12 ins Leistungszentrum gehört, gab es in denselben sieben Jahren keine vergleichbare Testphase, keinen Beschluss, keine Gegenstimme – weil die Frage schlicht nie offiziell gestellt wurde. Strukturreformen bekommen Verfahren. Kulturfragen sind dagegen ein Teil des Problems und deutlich schwerer zu beantworten.
Was offen blieb
Die eine Frage, die Schönweitz 2019 stellte und die bis heute unbeantwortet ist: ob ein NLZ eine eigene U12 braucht. Die Nachwuchsliga-Reform beginnt erst bei der U17, die Kleinspielformate laufen zwar inzwischen flächendeckend – aber die Grundsatzfrage, ob frühe NLZ-Bindung überhaupt sinnvoll ist, wurde nicht angefasst, sondern umgangen. Und was die Reform an mehr Spielraum verkauft, sind Kleinspielformate mit festen Regeln und Trainerbegleitung. Das ist organisierter Kinderfußball mit mehr Ballkontakten – nicht das freie Spiel auf dem Bolzplatz, dessen Verschwinden Schönweitz eigentlich meinte, als er sagte: „Was fehlt, ist das freie Spiel.“
Für Talente und Trainer
Wer heute mit einem Zwölfjährigen im NLZ arbeitet, sollte das Muster kennen: Der DFB löst Strukturfragen zuverlässiger als Kulturfragen. Die Wettbewerbsreform ist real und war überfällig. Die Frage, ob ein Kind mit elf Jahren schon in ein Leistungszentrum gehört, beantwortet sie nicht. Wer freies Spiel für sein Talent will, organisiert es weiterhin selbst – der Verband liefert es nicht mit.
Quelle: Folge #036 mit Meikel Schönweitz, November 2019, im schluesselspieler-Archiv unter schluesselspieler.de.



