Was Studien tatsächlich über Kreatin bei Minderjährigen zeigen, warum die EU-Zulassung nur für Erwachsene gilt und worauf Eltern junger Sportler achten sollten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Wirkung: Kreatin kann die Leistung bei kurzen, intensiven Belastungen wie Sprints und Zweikämpfen verbessern.
- EU-Zulassung: Die zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen gelten nur für Erwachsene.
- Studienlage: Erste Untersuchungen bei Jugendlichen zeigen keine eindeutigen schwerwiegenden Sicherheitsrisiken. Langzeitstudien fehlen jedoch.
- Individuelle Entscheidung: Eine Einnahme bei Minderjährigen sollte nur nach ärztlicher Abklärung und gemeinsam mit den Eltern erwogen werden.
- Grundlagen zuerst: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und altersgerechtes Training haben Vorrang.
- Produktqualität: Bei Kreatin sind geprüfte Reinheit und möglichst geringe Verunreinigungen entscheidend.
Kreatin: Sinnvoll oder Risiko?
Ein 16-jähriger Fußballer trainiert fünfmal pro Woche, absolviert zusätzlich Krafttraining und möchte seine Leistung weiter verbessern. In der Kabine hört er von Kreatin. Es soll die Schnellkraft steigern, bei wiederholten Sprints helfen und die Leistungsfähigkeit im Training verbessern.
Doch ist das auch für Jugendliche sinnvoll? Und welche Risiken bestehen, wenn sich der Körper noch mitten in der Entwicklung befindet?
Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln im Sport. Bei Erwachsenen sind bestimmte leistungssteigernde Wirkungen wissenschaftlich gut belegt. Bei Jugendlichen ist die Situation allerdings komplizierter.
Das Entscheidende: Es gibt bislang keine überzeugenden Belege dafür, dass Kreatin bei gesunden Jugendlichen grundsätzlich gefährlich ist. Es fehlen aber ausreichend hochwertige Langzeitstudien, um seine Sicherheit während der gesamten körperlichen Entwicklung zuverlässig beurteilen zu können.
Was Kreatin im Körper eigentlich macht
Kreatin ist keine künstlich erfundene Substanz. Unser Körper stellt es selbst her, hauptsächlich mithilfe von Leber und Nieren. Dafür benötigt er die Aminosäuren Glycin, Arginin und Methionin.
Zusätzlich nehmen wir Kreatin über Lebensmittel auf, insbesondere über Fleisch und Fisch.
Etwa 95 Prozent des körpereigenen Kreatins befinden sich in der Muskulatur. Dort übernimmt es eine wichtige Aufgabe: Es hilft, die Energiereserven der Muskelzellen bei kurzen, intensiven Belastungen besonders schnell wieder aufzufüllen.
Man kann sich Kreatin wie einen kleinen Energiespeicher vorstellen, der dann einspringt, wenn der Muskel innerhalb kürzester Zeit sehr viel Leistung erbringen muss.
Im Fußball betrifft das beispielsweise:
- explosive Antritte und kurze Sprints
- schnelle Richtungswechsel
- Sprünge und intensive Zweikämpfe
- wiederholte hochintensive Aktionen mit kurzen Erholungsphasen
Bei längeren, gleichmäßigen Ausdauerbelastungen ist die Bedeutung einer Kreatinsupplementierung dagegen wesentlich geringer.
Die zusätzliche Einnahme von Kreatin kann die Kreatinspeicher der Muskulatur erhöhen. Bei Erwachsenen lassen sich dadurch insbesondere bei wiederholten kurzen, intensiven Belastungen und im Krafttraining Leistungsverbesserungen erzielen.
Warum die EU Kreatin nur für Erwachsene mit einer Gesundheitsangabe zulässt
Die Europäische Union regelt genau, welche gesundheitsbezogenen Aussagen Hersteller über Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel treffen dürfen.
Für Kreatin existiert eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012.
Sie besagt sinngemäß, dass Kreatin die körperliche Leistung bei aufeinanderfolgenden kurzen, hochintensiven Belastungen steigert. Voraussetzung für die Verwendung dieser Aussage ist unter anderem eine tägliche Kreatinzufuhr von 3 Gramm. Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die sich an Erwachsene richten, die hochintensive körperliche Belastungen ausüben.
Seit 2017 gibt es eine weitere zugelassene Aussage: Bei Erwachsenen über 55 Jahren kann die tägliche Kreatineinnahme in Verbindung mit regelmäßigem, ausreichend intensivem Krafttraining die Wirkung des Trainings auf die Muskelkraft verbessern.
Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gibt es keine entsprechende zugelassene EU-Gesundheitsangabe. Das bedeutet allerdings nicht, dass Kreatin für Minderjährige grundsätzlich verboten oder nachweislich schädlich wäre. Es bedeutet zunächst, dass die genannten gesundheitsbezogenen Werbeaussagen nicht auf diese Altersgruppe übertragen werden dürfen. Die medizinische Frage, ob eine Einnahme bei einem bestimmten Jugendlichen sinnvoll oder sicher ist, muss davon getrennt betrachtet werden.
Was die Wissenschaft über Kreatin bei Jugendlichen weiß
Hier wird es interessant.
Während Kreatin bei Erwachsenen seit Jahrzehnten untersucht wird, ist die wissenschaftliche Datenlage bei Minderjährigen deutlich kleiner. Es gibt Untersuchungen an jugendlichen Sportlern, darunter auch Fußballern und Schwimmern. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass Kreatin bestimmte Aspekte der kurzzeitigen, intensiven Leistungsfähigkeit verbessern könnte. Die Ergebnisse sind allerdings nicht einheitlich. Viele Untersuchungen umfassen nur wenige Teilnehmer und laufen über relativ kurze Zeiträume.
Was eine aktuelle Übersichtsarbeit von 2026 zeigt
Eine im April 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte fünf Studien zur Sicherheit von Kreatin bei Jugendlichen und jungen Menschen.
Das Ergebnis war zunächst beruhigend: Innerhalb der untersuchten Zeiträume fanden sich keine einheitlichen Hinweise auf schwerwiegende Beeinträchtigungen der Nieren- oder Leberfunktion oder auf relevante Veränderungen wichtiger Stoffwechselwerte, die auf die Kreatineinnahme zurückzuführen waren.
Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: Die untersuchten Gruppen waren klein und unterschiedlich zusammengesetzt. Teilweise wurden auch junge Menschen mit bestimmten Erkrankungen untersucht.
Eine weitere sportmedizinische Veröffentlichung aus dem Jahr 2026 kommt zu einer vergleichbaren Einschätzung: Die kurzfristige Einnahme erscheint bei gesunden Jugendlichen in den bisher untersuchten Situationen überwiegend gut verträglich. Für eine allgemeine Empfehlung reicht die Studienlage jedoch nicht aus.
Die wissenschaftliche Einordnung lautet daher: Bisher wurden keine eindeutigen schwerwiegenden Sicherheitssignale nachgewiesen. Die langfristige Sicherheit während Wachstum und Pubertät ist aber noch nicht ausreichend erforscht.
Ein 17-jähriger Leistungssportler ist nicht mit einem 12-jährigen Nachwuchsspieler vergleichbar
Bei der Frage nach Kreatin wird häufig nur zwischen Erwachsenen und Minderjährigen unterschieden. Doch diese Einteilung greift zu kurz. Ein 17-jähriger Torhüter in einem Nachwuchsleistungszentrum, der nahezu täglich trainiert, hat andere körperliche Anforderungen als ein 12-jähriger Fußballer, der zweimal pro Woche am Mannschaftstraining teilnimmt.
Auch innerhalb derselben Altersgruppe können sich Jugendliche erheblich unterscheiden. Manche befinden sich mitten im Wachstumsschub, andere sind körperlich bereits weitgehend entwickelt. Entscheidend sind deshalb unter anderem der individuelle Entwicklungsstand, die Trainingsbelastung, die Ernährung, mögliche Vorerkrankungen und die Frage, welchen konkreten Nutzen eine Supplementierung überhaupt bringen könnte.
Dabei gilt: Ein hohes Trainingsniveau allein ist noch kein ausreichender Grund, Kreatin einzunehmen. Gerade im Nachwuchsleistungssport sollten Eltern und Spieler solche Entscheidungen gemeinsam mit einem sportmedizinisch erfahrenen Arzt treffen.
Ist vor einer Kreatineinnahme eine Blutuntersuchung sinnvoll?
Eine Blutuntersuchung kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein, beispielsweise wenn Vorerkrankungen bestehen oder ein Arzt die Nierenfunktion beurteilen möchte.
Allerdings gibt es einen verbreiteten Irrtum: Ein normales Blutbild kann nicht zuverlässig feststellen, ob die Kreatinspeicher eines Menschen ausreichend gefüllt sind oder ob er von zusätzlichem Kreatin profitieren würde. Auch der Kreatininwert ist dafür ungeeignet. Kreatinin entsteht beim Abbau von Kreatin und Kreatinphosphat und wird häufig zur Beurteilung der Nierenfunktion verwendet. Eine Kreatineinnahme kann den Kreatininwert beeinflussen, ohne dass dies zwangsläufig eine Nierenschädigung bedeutet.
Was junge Fußballer zuerst optimieren sollten
Bevor über Kreatin nachgedacht wird, lohnt sich ein Blick auf die Grundlagen der sportlichen Leistungsfähigkeit. Denn gerade bei jungen Sportlern bleiben häufig wichtige Potenziale ungenutzt, die ganz ohne Nahrungsergänzungsmittel verbessert werden können.
Ausreichend Energie und Kohlenhydrate
Jugendliche benötigen Energie nicht nur für Training und Wettkampf, sondern gleichzeitig für Wachstum und Entwicklung. Wer regelmäßig intensiv trainiert, aber insgesamt zu wenig isst, kann seine Leistungsfähigkeit und Regeneration beeinträchtigen. Kohlenhydrate spielen besonders bei intensiven Fußballbelastungen eine wichtige Rolle, da sie die Glykogenspeicher der Muskulatur auffüllen.
Eine bedarfsgerechte Proteinversorgung
Proteine liefern die Bausteine für Wachstum, Muskelaufbau und Regeneration. Eine abwechslungs- und vitalstoffreiche Ernährung, die mit wenig (hoch-)verarbeiteten Lebensmitteln auskommt, kann den Proteinbedarf häufig bereits decken. Gerade Hülsenfrüchte, Saaten und in Maßen Fleisch bieten hier eine gute Grundlage. Entscheidend ist auch die ausreichende Gesamtzufuhr über den Tag, nicht automatisch die Einnahme eines Proteinpulvers. Wenn aber ein Proteinpulver in Frage kommt, dann doch bitte ein hochwertiges veganes Proteingemisch aus unterschiedlichen pflanzlichen Proteinquellen.
Schlaf und Regeneration
Während des Schlafs finden wichtige Erholungs- und Entwicklungsprozesse statt. Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren benötigen in der Regel etwa acht bis zehn Stunden Schlaf pro Nacht. Ein zusätzliches Nahrungsergänzungsmittel kann dauerhaft zu wenig Schlaf nicht ausgleichen. Zu beachten gibt es hier auch eine ganze Reihe von Faktoren: Zuviel Bildschirmzeit direkt vor dem Schlafengehen, mindert häufig die Schlafqualität. Zu spätes Essen führt häufig zu einem erhöhten Ruhepuls in der Nacht und damit auch zu einer verminderten Schlafqualität. Die Raumtemperatur hat ebenfalls entscheidenden Einfluss auf die Regeneration in der Nacht. Es gibt weitere Faktoren, die Sie gerne auch im Gespräch mit Prof. Amann-Jenson nachhören können.
Altersgerechtes Kraft- und Athletiktraining
Ein gut betreutes Krafttraining kann auch bei Jugendlichen sinnvoll sein. Entscheidend sind eine saubere Bewegungsausführung, eine angemessene Belastungssteuerung und ausreichend Erholung. Wer diese Grundlagen konsequent verbessert, schafft zunächst die wichtigste Voraussetzung für eine langfristige sportliche Entwicklung.
Das häufig unterschätzte Risiko: die Qualität des Kreatinprodukts
Wenn nach individueller ärztlicher Abwägung eine Supplementierung überhaupt infrage kommt, stellt sich eine weitere wichtige Frage: Was steckt tatsächlich im Produkt?
Nicht jedes Nahrungsergänzungsmittel erfüllt automatisch dieselben Qualitätsstandards. Bei der Herstellung können sich Unterschiede in Rohstoffqualität, Reinigungsverfahren und Qualitätskontrolle ergeben. Hinzu kommen mögliche Verunreinigungen oder Abweichungen zwischen dem angegebenen und dem tatsächlichen Wirkstoffgehalt. Dabei ist nicht allein das Herkunftsland entscheidend. Auch in Asien werden hochwertige Rohstoffe produziert. Entscheidend ist vielmehr, ob die Qualität des fertigen Produkts nachvollziehbar geprüft wurde.
Worauf bei Kreatinprodukten zu achten ist
Ein möglichst transparentes Produkt zeichnet sich durch eine eindeutige Zutatenliste, einen nachvollziehbaren Kreatingehalt und geeignete Qualitätskontrollen aus.
Besonders wichtig sind:
- Reines Kreatinmonohydrat ohne unnötige Zusatzstoffe
- Nachvollziehbare Hersteller- und Chargeninformationen
- Laboranalysen zum Kreatingehalt und zu relevanten Verunreinigungen
- Bei Wettkampfsportlern zusätzliche Prüfungen auf dopingrelevante Substanzen
Eine Orientierung kann beispielsweise die Kölner Liste bieten. Dort werden Produkte im Rahmen eines unabhängigen Programms auf ausgewählte dopingrelevante Stoffe untersucht. Allerdings ist auch eine solche Prüfung keine absolute Garantie, dass ein Produkt frei von sämtlichen verbotenen Substanzen ist. Sie kann das Risiko lediglich verringern.
Beispiel für ein Kreatinprodukt ohne Zusatzstoffe
Topfruits bietet ein Kreatin-Monohydrat-Pulver an, das laut Produktangabe eine Reinheit von 99,9 Prozent aufweist und ohne weitere Zutaten auskommt. Das Produkt ist in einer 250-g-Packung erhältlich. Als Orientierung für Erwachsene wird eine tägliche Kreatinmenge von 3 Gramm häufig im Zusammenhang mit den zugelassenen EU-Gesundheitsangaben genannt.
Diese Dosierung ist jedoch keine allgemeine Einnahmeempfehlung für Minderjährige. Die angegebene Reinheit sollte durch geeignete Qualitätsnachweise belegbar sein. Auch eine hohe Reinheit allein beantwortet nicht die Frage, ob die Einnahme bei einem Jugendlichen sinnvoll ist.
Fazit: Kreatin ist kein Tabuthema – aber auch keine Selbstverständlichkeit
Kreatin gehört bei Erwachsenen zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln. Seine Wirkung auf bestimmte Formen kurzzeitiger, intensiver körperlicher Belastung ist gut belegt.
Bei Jugendlichen ist die Situation anders. Die bisher verfügbaren Untersuchungen liefern zwar erste beruhigende Hinweise zur kurzfristigen Verträglichkeit. Gleichzeitig fehlen ausreichend hochwertige Langzeitstudien, insbesondere zu einer regelmäßigen Einnahme während Wachstum und Pubertät.
Eine pauschale Verurteilung von Kreatin bei Minderjährigen wäre deshalb ebenso wenig sachgerecht wie eine uneingeschränkte Empfehlung. Für junge Fußballer sollten zunächst eine ausreichende Energieversorgung, eine ausgewogene Ernährung, ein sinnvoll gesteuertes Training und genügend Regeneration im Mittelpunkt stehen.
Ob darüber hinaus eine Kreatinsupplementierung infrage kommt, sollte gemeinsam mit den Eltern und einem sportmedizinisch erfahrenen Arzt individuell entschieden werden.
Die wichtigste Frage lautet nicht: Welches Kreatin soll mein Kind nehmen? Sondern: Gibt es überhaupt einen nachvollziehbaren Grund, warum mein Kind zusätzliches Kreatin benötigt?
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Informationen
1. Europäische Kommission – Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Zugelassene gesundheitsbezogene Angaben für Kreatin, einschließlich der Anwendungsbedingungen.
https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2012/432
2. Europäische Kommission – Verordnung (EU) 2017/672
Gesundheitsbezogene Angabe zur Wirkung von Kreatin in Verbindung mit Krafttraining bei Erwachsenen über 55 Jahren.
https://eur-lex.europa.eu/eli/reg_impl/2017/672/oj
3. Rubinchuk et al. (2026)
Evaluating the Safety of Creatine Monohydrate in Adolescents: A Systematic Review of Renal, Hepatic, and Cardiometabolic Outcomes.
Systematische Übersichtsarbeit zur Verträglichkeit und Sicherheit von Kreatin bei Jugendlichen und jungen Menschen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42124755
4. Pichler (2026)
Kreatinsupplementierung im Jugendalter: Evidenz, Sicherheit und klinische Einordnung.
Pädiatrie & Pädologie.
https://doi.org/10.1007/s00608-026-01375-4
5. Kölner Liste
Informationen über die unabhängige Untersuchung von Nahrungsergänzungsmitteln auf ausgewählte dopingrelevante Substanzen.
https://www.koelnerliste.com/faqs
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Für Minderjährige wird keine allgemeine Kreatinsupplementierung empfohlen.
